| Für die Beschäftigung mit historischer deutscher Fechtkunst gibt es viele gute Gründe. Die einen sehen in der Tradition des Johannes Liechtenauer vor allem eine hoch effektive Kampfkunst, die es zu rekonstruieren gilt und so hart und praxisnah wie möglich zu trainieren. Andere wiederum sind vor allem von der dahinter stehenden Historie, von den Fechtbüchern und anderen Quellen fasziniert. Bei Zornhau finden sich beide Gruppen, wobei im günstigsten Fall bei jedem Einzelnen Trainingswut und historisches Interesse gleichermaßen ausgeprägt sind. Allerdings spielt es keine Rolle, wo die persönlichen Vorlieben eines Einzelnen auf diesem Koordinatensystem liegen, denn eines haben alle gemein: Die Faszination für echte Blankwaffen in ihrer reinsten Form, nämlich den erhaltenen historischen Originalen. | ||||
Der Reiz des Originals
Normalerweise hat man es als Praktiker mit einem durchschnittlichen Einkommen bekanntermaßen mit modernen Repliken zu tun. Diese erfüllen selbstredend, je nach der Akkuratesse ihres jeweiligen Produzenten, ihren Zweck. Doch hat man immer die bange Frage im Hinterkopf, um wie viel denn die Waffe nun vom Original abweicht. Hier muss man sich auf das Wort des Schmiedes verlassen, der jedoch - vor allem im unteren Preissegment - oft nur auf Sekundärquellen oder gar schlichtes Augenmaß und Mutmaßungen zurückgreift. Will man wirklich mehr über die Blankwaffen des Mittelalters und der Renaissance erfahren, kommt man an der Begutachtung historischer Originale nicht vorbei. Dies trifft vor allem dann zu, wenn man mit dem Gedanken spielt, sich vom
Handwerker seiner Wahl selbst einmal für den eigenen Bedarf eine hochwertige
Replik anfertigen zu lassen.
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| Schwertfanatiker unter sich
So erschienen wir dann an einem sonnigen Samstag im fränkischen Dinkelsbühl, bekannt für seine gut erhaltenen Wehranlagen und dem wunderschönen historischen Stadtkern. Die Residenz des Gelehrten entpuppte sich als der auf der Website versprochene Teil dieser alten Stadtmauer in Form des beeindruckenden Segringer Torturms. Fricker, ein offener, freundlicher und etwas exzentrisch wirkender alter Herr mit zersaustem langem Haar, öffnete
uns die knarrende Holztür des alten Turms und ließ uns in sein Reich. Nach einer kurzen Vorstellung stürzten wir uns wie Ertrinkende auf die Berge von Blankwaffen, mit denen der kleine, gemütliche Raum des Turmes angefüllt war. An Wänden und Balken hingen lange Schwerter, in Vitrinen stapelten sich gotische Scheibendolche, Rapiere, Säbel und Dussäcke, Bidenhänder und Spieße standen auf Gestellen, in den Zimmerecken standen mannsdicke Bündel von Hellebarden, Aalspießen, Kleven und Mordäxten. Beinahe jeder Zentimeter des kleinen Raumes war angefüllt mit bestens erhaltenen Stücken für das jeder von uns sein letztes Hemd verpfändet hätte. Der einzige Grund, warum wir das nicht taten: Es hätte nicht gereicht!
Selbst die unauffälligsten Stücke waren im besten Zustand, in dem man sich
originale Renaissancewaffen wünschen kann. Fast alle Schwerter hatten nur
mäßige Rostschäden, fast immer war noch das Griffleder vorhanden; die Waffen waren
im Grunde fechttauglich. Hätte man eines davon auf den Warentisch eines
Mittelaltermarktes gelegt, wäre es (von der handwerklichen Perfektion einmal
abgesehen) nicht weiter aufgefallen. Die Preise für solche Artefakte bewegen
sich in der Regel im fünfstelligen Bereich, jedes Schwert, welches wie
untersuchten kostete mindestens 11.000.- Euro und nach oben hin schien es
keine Grenzen zu geben.
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| Verloren in Details...
Neben dem ausnehmend guten Zustand der Waffen gefiel uns auch die Tatsache, dass es sich gerade bei Messern und Schwertern nicht um unbenutzte und mit Ornamentik überfrachtete Prunk- und Geschenkartikel handelte, wie das z.B. in Wien und anderen Sammlungen der Fall ist. In vielen Fällen
hatten wir es mit echten Kampfschwertern zu tun,
die auch deutliche Spuren ihrer Benutzung aufwiesen. Tiefe Scharten sah man
natürlich selten. Fast immer waren sie - so gut wie möglich - rausgeschliffen
worden. Oft war die Scharte daher nur noch ein kleiner rund gefeilter Nick.
Manchmal war sogar, wahrscheinlich aufgrund einer besonders starken
Beschädigung der Schneide, eine deutlich sichtbar ausgeschliffene
"Delle" vorhanden, welche die Klingengeometrie merklich veränderte,
aber den Tötungsnutzen der Waffe wohl kaum beeinträchtigt haben muss. Viele
Schwerter waren nach Auskunft Frickers in ihrer
Geschichte als historische Relikte mal nachgeschärft, mal absichtlich stumpf gemacht
worden, während sie in den Jahrhunderten von einer Sammlerhand in die nächste
gewandert waren. Welche Schädigungen also durch die Benutzung als
Tötungswerkzeug und welche durch unsachgemäße Handhabung während der Lagerung
zustande kamen, lässt sich im Nachhinein nur noch schwer feststellen.
Auffällig jedoch, dass sich die meisten Scharten an der Klingenschwäche
befanden, dem Teil also, der beim Hau am häufigsten mit der gegnerischen
Waffe in Berührung kommt. Weitere Scharten fanden sich vermehrt in der
Klingenstärke, nahe dem Kreuz, was sich in seiner Gesamtheit mit der
Fechttradition Liechtenauers deckt.
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