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Spannend war auch die nähere Betrachtung der Waffenstähle, insbesondere
natürlich die Klingen. Durch die leichten Korrosionsschäden sichtbar
gemacht, war in den meisten Fällen ein schlangenartiges Relief erkennbar,
das sich vom Gehilz bis zum Ort durch die ganze
Klinge zog. Aufgrund des - im Vergleich zu heutigen
Monostählen - in der Renaissance verwendeten eher minderwertigen
Ausgangsmaterials, waren die Schmiede gezwungen das Material durch
Feuerverschweißung und mehrmaliges Falten zu homogenisieren. Dadurch
entstand, genau wie bei japanischen Schwertern auch, ein typisches Muster
im Stahl, welches je nach eingesetzter Schmiedetechnik variiert. Den daraus
entstehenden Schweißverbundwerkstoff mit dem Etikett "Damast" zu
belegen, wäre voreilig, denn die Muster werden bei der nachfolgenden
Politur beinahe unsichtbar gemacht und keineswegs der Optik wegen durch den
Einsatz irgendwelcher Säuren betont. Mit dem von modernen Mythen umwobenen
"Damaszener Stahl" gar hat der gefaltete Raffinierstahl des späten
Mittelalters überhaupt nichts zu tun. Das Herstellen von Schweißverbundstählen
folgt anderen Gesetzmäßigkeiten und war auch in Europa bereits in der
Spätantike bekannt.
Eine nähere Betrachtung einiger Waffen.
Unsere Besuchszeit reichte neben einer Zeit staunenden Gaffens auch für
die detaillierte Dokumentation von fünf ausgesuchten Exemplaren. Drei lange
Schwerter, ein langes Messer und einen Einhänder nahmen wir uns näher zur
Brust. Wie schon erwähnt, fanden sich im Verkaufsraum vor allem Waffen aus
der Renaissance. Bei den langen Schwertern, die uns natürlich in besonderem
Maße gefielen, stellten wir eine Häufung der Datierung auf das Jahr 1530
fest, die Langschwerter des Herrn Fricker fielen
also alle auf die Fechtepoche irgendwo zwischen den beiden Meistern Paulus
Hector Mair und Joachim Meyer. Auch die
ästhetische Ähnlichkeit der Waffen sprang sofort ins Auge. Das Kreuz war in
allen untersuchten Waffen dieses Zeitraums mit spiraligen Schneidarbeiten
und abgeflachten oder runden Kreuzkappen versehen. Auch die Birnenknäufe
hatten solche Schneidarbeiten und sahen nicht wirklich aus wie Birnen,
sondern eher wie verdrehte Knoblauchzwiebeln. Eselshufe und Fingerringe
waren ebenfalls immer vorhanden, auch meistens tordiert.
Fast immer handelte es sich um klassische lange Schwerter mit
abgeflachter, rhombischer Klingengeometrie und mehrere tief ausgeführte
Hohlkehlen nach Oakeshott-Typ XX und Xxa. Auffällig war auch die relativ hohe Flexibilität
der Klingen, welche in dieser "wabbeligen" Ausprägung kaum zum
"Halbschwertfechten", also dem Harnischkampf mit der zweiten Hand
an der eigenen Klinge, brauchbar gewesen wären. Schon mit einem leichten
Stoß gegen die Knaufseite waren die Klingen in Schwingung zu versetzen, so
dass man den Schwingungspunkt sofort und ohne Probleme bestimmen konnte.
Oft war deutlich eine verdickte Fehlschärfe vorhanden, auf der sich dann
meistens einfache Verzierungen und immer auch eine Schmiedemarke fanden. Das Gewicht der Langschwerter pendelte immer
irgendwie zwischen 1400 und 1600 Gramm, Ausnahme war ein sehr großer
Zweihänder gleicher Machart von beinahe 160 cm Gesamtlänge, der deutlich
über 2,5 Kilo wog.
Eines der Schwerter hatte neben der regulären (beidseitigen) Schmiedemarke
in Form einer Messingtauschierung noch einen
Stern mit Schweif eingestempelt, den wir als "Stern von
Bethlehem" und somit als eine Art Heilszeichen interpretierten, ein
anderes die Initialen "H.T.A".
Eine weitere Waffe, die uns als historische Fechter immens beeindruckte,
war ein langes Messer, ebenfalls aus dem Zeittraum um 1530. Leicht, führig
und somit extrem schnell, wies dieses Stück nicht nur die bei langen
Messern oft gesehene Gegenschärfe an der Klingenschwäche auf, sondern
verbreitete sich an dieser Stelle sogar noch einmal um gute 5 mm.
Wie die langen Messer in den Fechtbüchern von Hansen Lecküchner
oder Albrecht Dürer ließ sich dieses wundervolle Spielzeug einhändig
führen, doch erlaubte die Waffe auch plötzliche, starke zweihändig geführte
Hiebe.
Dank Herrn Frickers Vertrauen durften wir das
sogar ausprobieren. Man stelle sich die Blicke der Passanten vor, als da
plötzlich jemand mit einem wertvoll aussehenden Schwert, an dem noch das
Info-Schildchen hängt, aus einem Turm der Stadtmauer tritt und beginnt Hutenwechsel zu exerzieren und die Luft mit einigen
Hieben zu zerschneiden. Es bleibt nur Wenigen vergönnt, solche Stücke nicht
nur zu vermessen, sondern auch in ihrer Handhabung zu testen und wir haben
dies bei fünf Exemplaren getan.
Mittelalterliche Waffen, also solche aus der Zeit vor 1500, waren auch
im Segringer Torturm selten und wurden von uns
respektvoll bestaunt.... und natürlich auch
angefasst. In einer der Vitrinen lachten uns zwei wunderbare spätgotische
Scheibendolche (einer mit Elfenbein- der andere mit reich geschnittenem
Eisengriff, siehe Abbildung unten) für jeweils läppische 6000.- EUR an, wie
man sie in den Fechtbüchern von Talhoffer und
vielen anderen Meistern finden kann. Schön war hier der leicht hohlschliffige Viereckquerschnitt dieser tödlichen
Selbstverteidigungswaffen zu erkennen.
Ebenfalls tief beeindruckt waren wir von den beiden ältesten Exponaten,
zwei hochmittelalterliche Einhänder (Oakeshott-Type
XII), datiert auf das zwölfte Jahrhundert, mit ihrem charakteristischen
Paranussknauf. Trotz des fehlenden Griffholzes waren die Bodenfunde
ansonsten weitgehend vollständig und gut erhalten, wunderschön die
Schmiedemarken und (magisch- oder religiösen?) Verzierungen.
Wunderschön auch (und kaum aus der Hand eines Co-Trainers zu bekommen) war
ein klassisches Schwert aus dem 15. Jahrhundert zu anderthalb Hand mit
Birnenknauf und schlankem, leicht nach vorn gerichtetem Kreuz.
Information Overflow" und Abschied.
"Weitere Stücke aus der Wunderkammer, die uns ins Auge fielen, auch
wenn sie unser fechterisches Interesse nur am Rande berührten, waren
Linkhand-Dolche mit auf Knopfdruck vorspringenden und am Kreuz
arretierenden Klingenfängern ("Mission Impossible"-Schnickschnack
der Renaissance), eine wunderschön bemalte, anschnallbare
Armtasche mit Stichdorn, eine gut erhaltene und ebenfalls bemalte Parvese, einige Stangenwaffen des späten 15.
Jahrhunderts (Von denen man sich ewig darüber streiten konnte, ob es sich
jetzt um eine Streitakt, eine Hellebarde oder einen etwas zu langen
Rabenschnabel handelte) und ein ganzer, großer Schirmständer voll von barocken
Kavaliersdegen (in dieser Masse ein bizarrer Anblick).
Gegen Abend bedankten wir uns bei unserem Gastgeber mit einer
Fechtvorführung und setzen unsere Fachsimpelei noch ein wenig fort. Als
wir, schon im Gehen begriffen, noch auf einige Details bezüglich unserer
Arbeit mit alten Fechtbüchern erläuterten, warf uns Fricker
mit der beiläufigen Erwähnung aus den Socken: "Na, hätten sie das
gleich gesagt, originale Fechtbücher hab ich auch noch irgendwo ein
paar..."
Nun, wir kommen wieder.
Torsten Schneyer
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| Man kommt mit dem Staunen gar nicht mehr hinterher: Ein
gotischer Anderthalbhänder, zusammen mit zwei wunderschönen
Scheibendolchen auf einem kostbaren Waffenbuch der
Renaissance. |
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| "ZEF-1": Dieses enorme Langschwert von 159 cm
Gesamtlänge wiegt 2740 g und hatte trotz seines unhandlich
wirkenden Gewichtes deutliche Nutzungsscharten an der Klinge.
Wie alle Langen Schwerter, die wir genauer vermaßen, datiert
auf 1530. Interessantes Detail: Der "Kometen"-Stempel (rechts)
auf dem Ricasso, der nicht der tauschierten Schmiedemarke
(oben) entspricht. |
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| "ZEF-2": Ein wunderschönes und sehr schnelles
Langes Schwert von 128,5 cm Gesamtlänge und 1420 g Gewicht.
Auffällig sind der zum Schneiden eher hinderliche
Klingengeometrie mit einem "Knick" vor der Schneide und die
recht große Gravur "H.T.A". |
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| "ZEF-3": Ein weiteres Langes Schwert, mit langer
Hohlkehle und punzierten Knauf-und Kreuzkappen aus Messing. Es
entspricht mit einer Gesamtlänge von genau 130 cm und einem
Gewicht knapp über 1600 g ziemlich exakt unseren bevorzugten
Trainingswaffen. Dank der Schneidengeometrie und der ziemlich
geraden, leicht kopflastigen Klinge würde dieses Exemplar in
geschärftem Zustand bei einem Schnittest sicher eine gute
Figur machen. Links gut erkennbar: Massive Ausfeilungen der
Schneide, wahrscheinlich wurden dort Schäden ausgebessert,
ein Rest der Scharte ist auch noch erkennbar. |
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| "ZEF-4": Ein Langes Messer aus Albrecht Dürers
Zeiten, datiert auf 1500. Dank der langen Doppelkehlung und
der geringen Klingendicke mit 1020 g herrlich leicht. Die
fragilste und schnellste Waffe im Test. Beachtenswert ist die
Einbuchtung des Klingenrückens um einige Millimeter, welche
dann in eine erhaben ausgeschmiedete Gegenschärfe
ausläuft. |
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| "ZEF-5": Dieser wuchtige Einhänder, ein auf das
frühe 12. jahrhundert datierter Bodenfund, war das einzige
mittelalterliche Schwert, daß wir detailiert beschreiben
konnten, auch wenn noch mindestens zwei weitere Klingen vor
1500 vorrätig waren. |
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