
Das Schwert übt in unserer heutigen Zeit eine ungebrochene Anziehungskraft auf
die Menschen aus. Durch Mythologie, Romantik und moderne Popkultur verklärt
haben viele Menschen stark idealisierte Bilder vor Augen: stolze Schwertkämpfer,
die sich minutenlang mit weit ausholenden Bewegungen, Pirouetten und Paraden
duellieren bis einer von ihnen sein Leben aushaucht. Oder grimmige Filmhelden,
die sich wirbelnd durch ganze Scharen feiger Gegner metzeln. Beseelt von der
Sehnsucht, seine Freizeit mit etwas Besonderem anzureichern, empfinden immer
mehr Menschen den Wunsch, Schwertkampf zu erlernen. Leider ist hier guter Rat
teuer, denn im Gegensatz zum Angebot an asiatischen Kampfkünsten sind die
Möglichkeiten, alte westliche Kampfkünste zu erlernen, sehr rar gestreut und die
Wahl eines geeigneten Trainers oder Lehrers fällt nicht leicht. Jeder, der
regelmäßig Mittelaltermärkte besucht, wird schnell feststellen, dass es in
dieser Szene von enthusiastischen Leuten wimmelt, die gerne von sich erzählen,
"Schwertkampf" zu betreiben und es finden sich auch immer welche, die sich darum
reißen, Unterricht zu erteilen. Manche bieten inzwischen sogar
Volkshochschulkurse an, ohne dafür in irgendeiner Weise qualifiziert zu sein.
Bei näherem Hinschauen stellt der kundige Beobachter jedoch schnell fest, dass
es sich dabei in der Regel nicht um europäisch-historische Fechtkunst handelt
und nur mit Glück überhaupt etwas mit Kampfkunst zu tun hat.
Ein Großteil aller Hobbyisten betreibt lediglich Schaukampf auf
Mittelaltermärkten. Bei dieser Disziplin geht es darum, dem Markt-Publikum einen
möglichst actiongeladenen Kampf vorzutäuschen. Hierbei handelt es sich um feste,
vorher eingeübte Choreographien, die in aller Regel wegen der fehlenden
Kampfkunst-Ausbildung der Vorführenden ziemlich unrealistisch sind, auch wenn
sie manchmal gut aussehen mögen. Meistens handelt es sich um Leute, denen jemand
"etwas gezeigt" hat und die dieses dann mit dem vermischen, was sie aus dem Kino
kennen. Das Ergebnis hat selten etwas mit Schwertkampf zu tun, sondern ist
einstudierte Fantasy.
Hierbei handelt es sich um Schaukampf auf höherem Niveau, von geschulten
Kampfsportlern vorgeführt. Viele Szenische Fechter arbeiten im Theater oder beim
Film, andere wiederum für professionelle Eventagenturen. Als Basis für ihre
Mittelalter-Schaukämpfe nutzen sie oftmals Vorkenntnisse aus japanischen
Kampfsportarten. Dennoch ist Szenisches (oder auch Bühnen-) Fechten keine
Kampfkunst im eigentlichen Sinne, sondern gut gemachter "Fake".
In der Mittelalterszene versucht man schon seid vielen Jahren, dem Publikum auch
Kämpfe und ganze Schlachten zu bieten, bei denen in historischer Rüstung und mit
Stahlschwertern gegeneinander gekämpft wird, ohne eine Choreographie zu
verabreden. Um die Sicherheit der Kämpfer nicht zu gefährden, werden dabei
jedoch viele Kompromisse eingegangen, einige dieser Ansätze sind als das so
genannte "A-Karten Freikampf " und als "Codex Belli" bekannt. Die Basis ist ein
striktes Regelwerk, das mal streng, mal weniger streng respektiert wird. Unter
anderem sind in der Regel Stiche, Schläge mit dem Knauf und Nahkampftechniken
wie das Ringen, verboten. Auch sind manche, bei einem Echtkampf sehr
entscheidende Trefferzonen wie der Kopf ausgenommen. Dies alles und die
verständliche Hemmung der Leute, wirklich hart aufeinander einzuschlagen, macht
aus vielen "freien" Duellen der Mittelaltermärkte das berüchtigte unrealistische
"Tippitappi".
Huscarl wiederum ist im Grunde eine Gegenbewegung zum oben genannten
Mittelaltermarkt-Freikampf und hat seine Wurzeln in der europäischen Wikinger
Reenactment-Szene. Die Trefferzonen sind stark erweitert (es sind beispielsweise
Kopftreffer ausdrücklich erlaubt), man benutzt schlankere, leichtere
Waffenrepliken und viele Huscarler haben einen Kampfkunst-Background. Auch
wächst in den letzten Jahren die Tendenz, sich dem Anspruch des historischen
Fechtens anzunähern und den Kampfstil mit belegten Schwert- und Schildtechniken
des Mittelalters anzureichern.
"Live Action Role Playing" erfreut sich gerade unter jüngeren Leuten immer
größerer Beliebtheit. Auf großen Conventions (Cons) taucht man ein in wundersame
Fantasywelten, spielt gemeinsam improvisierte Abenteuer durch und gestaltet sich
in freier Natur und auf Burgen spaßige, atmosphärische Tage. Um auch wie in den
Fantasyfilmen gegeneinander kämpfen zu können, haben die LARP Spieler
gepolsterte Waffen aus Latex und Schaumstoff entwickelt, um das
Verletzungsrisiko möglichst gering zu halten. Das geringe Gewicht der Waffen,
die restriktiven zum Schutz der Beteiligten entworfenen Regelwerke und nicht
zuletzt die mangelnde Kampfkunsterfahrung vieler Larper machen Larp-Fechten
jedoch zu einer absolut unrealistischen, wenn auch bestimmt sehr lustigen
Angelegenheit.
Im Gegensatz zum pragmatisch gesinnten Europa hat sich der asiatische
Kulturkreis einen großen Teil seiner Kampfkunst-Tradition bis heute bewahrt.
Während in Europa eigentlich nur noch das moderne Fechten, das Ringen und das
Boxen in stark versportlichter Form von den Kampfkünsten vergangener Zeiten
zeugen, konkurrieren in Japan und anderswo nach wie vor viele konkurrierende
alte Kampfstile, die sich teilweise traditionell, teilweise modern verpackt über
die ganze Welt verbreitet haben. Durch Film und Medien sind Budo-Künste so
populär, dass sich sogar eine Filmfigur wie der "Highlander" mit einem Katana
durch das Drehbuch schlägt, obwohl aus dem historischen europäischen Kulturkreis
stammt. Viele von europäischen Schwertern faszinierte Kampfkünstler, übertragen
ihr erlerntes Wissen über die asiatischen Kampfkünste auf das mittelalterliche
Schwert, was hinsichtlich der Effizienz auch zu brauchbaren Ergebnissen führen
kann. Dies ist jedoch keine europäische Fechtkunst, sondern asiatischer
Schwertkampf mit einem europäischen Schwert.
Nicht nur beim europäischen Schwertkampf gilt, dass "niemand die Weisheit mit
Löffeln gefressen hat" und niemand mit absoluter Sicherheit sagen kann, wie
unsere Vorfahren wirklich gekämpft haben. Dennoch lassen sich durch sorgfältiges
Quellenstudium und jahrelanger praktischer Übung Wahrscheinlichkeitsaussagen
treffen, die in eine andere Richtung weisen als die oben aufgezählten Ansätze.
Natürlich ist nichts auszusetzen an einem beeindruckenden Schaukampf, einem
spaßigen LARP, einer zünftigen Codex-belli-Freischlacht oder gar am Ausüben
asiatischer Schwertkünste. All diese Hobbys haben auf ihre Art ihre Berechtigung
und jeder Schwertbegeisterte möge nach seiner Fasson glücklich werden.
Dennoch hat das ganze unserer Meinung nach nicht allzu viel mit der Art und
Weise zu tun, wie unsere mittelalterlichen Vorfahren gekämpft haben. Daher haben
wir uns inzwischen für einen anderen Weg entschieden.