Seminarbericht zu „Schwertphysik und Körpermechanik“ bei Paul Becker / IN MOTUMi, 29.06.2016

Am Wochenende des 18./19. Juni 2016 fand das von Paul Becker (In MOTU – German Martial Arts) geleitete Intensivseminar zum Thema „Schwertphysik und Körpermechanik – Wer hat die Kontrolle, Klinge oder Körper“ statt. Hierzu fanden sich sechs Zornis in Nordhausen ein, um sowohl neue Anregungen und Trainingskonzepte zu erfahren als auch sich in freundschaftlicher Atmosphäre über diverse Aspekte der Dynamik und der Didaktik des historischen Fechtens auszutauschen.
Allgemein war das Seminar sehr professionell organisiert und optimal – sowohl vom Umfang des Themas bzw. dessen Bearbeitung als auch von der Teilnehmeranzahl her – bemessen.
Somit konnten sich alle Anwesenden in angenehmer Atmosphäre voll und ganz auf die behandelten Themen konzentrieren. Auch der Ort, Nordhausen, ist mit seiner weit zurückreichenden historischen Bedeutung und teilweise erhaltenen Burganlagen passend gewählt.

Paul Becker, seines Zeichens Leiter der Kampfkunstschule IN MOTU mit 12 Jahren Erfahrung im historischen Fechten und Offiziersausbilder bei der Bundeswehr, konzentrierte sich hierbei auf die Grundlagen der Fechtkunst nach Joachim Meyer im Hinblick auf die grundlegenen Bewegungsabläufe und Techniken, die nach Meyers überlieferter Ansicht jeder angehende Fechter beherrschen muss, bevor er sich komplexeren Stücken oder dem praktischen Sparring zuwenden sollte. Dies umfasst v.a. das Trainieren der Grundhäue aus dem Meyerschen Hiebkreuz, aber auch die Grundprinzipien einer effektiven Fußarbeit. Bevor es jedoch zu den ersten praktischen Übungen kam, gab es zunächst eine ausführliche theoretische Einleitung, in der detailliert auf physikalische, physiologische, sportmedizinische, psychische und didaktische Aspekte der Grundelemente des Fechtens behandelt wurden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Paul viel Wert darauf legt, das Seminar nicht als „Frontalunterricht“ zu gestalten, sondern sehr interessiert an abweichenden Standpunkten wie auch Fragen der Teilnehmer ist, und auch sehr gerne auf freundschaftliche, sachliche Diskussionen zu unterschiedlichen Interpretationen eingeht. Hier wäre unter anderem der Stichpunkt „Schiebermodell“ zu nennen. 😉
Es zog sich eine produktive und motivierende Atmosphäre durch das gesamte Seminar.
Eine weitere didaktische Besonderheit war das Übertragen der Erkenntnisse aus den verschiedenen Gattungen der historischen Kampfkünste, nach dem Leitspruch „Kampfkunst lässt sich nicht in Formen pressen.“. Dies schlug sich darin nieder, dass diverse Bewegungsabläufe und deren Koordination nicht allein mit dem langen Schwert eingeübt wurden, sondern u.a. auch mit dem Bokken, einem Seil oder aber auch – dann v.a. unter dem Aspekt des Impulsaufbaus – mit dem Medizinball. Ganz nach dem Motto „Für jedes Ziel das passende Werkzeug.“

Der erste Seminartag klang dann mit einem geselligen Grill&Lagerfeuer bei Paul daheim aus, wo wir nicht nur seine Frau, seinen Sohn und seine Tochter kennenlernten, sondern darüber hinaus auch Patrick Schröter, einen langjährigen Freund und Schüler Pauls. Patrick hatten wir am Vormittag bereits kennen gelernt – als Schmied (Schmiede – Eisenigel) stellt er Messer und Schwerter hoher Qualität her und arbeitet neben seiner gewerblichen Tätigkeit an einem Projekt zur Entwicklung neuer Trainingsschwerter und anderer Übungswaffen eng mit Paul zusammen. Nicht zuletzt fand Patricks Klingenwachs zum Pflegen und Konservieren großen Anklang bei uns.

Am zweiten Seminartag fielen die theoretischen Anteile deutlich kürzer aus, da diese Inhalte größtenteils bereits am ersten Tag vermittelt wurden. Dementsprechend wurde praktisch auf den Übungen des Vortages aufgebaut, bis hin zu Partnerübungen. Zuerst übten wir Versatzungen (Unterhau vs. Oberhau) mit dem Bokken mit besonderem Augenmerk auf das möglichst präzisen Treffens des gegnerischen Klingenschwerpunktes, um einen möglichst effektiven Ablenkungsimpuls auf das gegnerische Schwert zu übertragen. Diese Übungen wurden dann in verschiedener Gestalt variiert und endeten dann mit Twerhau vs. Oberhau. Damit kamen Fechtmasken, Halsschutz und Handschuhe dann auch einmal zum Einsatz.

Zusammenfassend legte Paul im Seminar großen Wert auf saubere und die Waffenkategorien übergreifende Grundlagenarbeit, d.h. Training der Aspekte Kraft, Schnellkraft, Geschwindigkeit und vor allem der Koordination sauberer Bewegungsabläufe. Die Grundsätze hier sind „Von simpel zu komplex“ und „Langsam ist flüssig ist schnell“. Die reichhaltigen didaktischen Anregungen zu Trainingsgestaltung, die diese Aspekte berücksichtigen, fördern und fordern, will ich an dieser Stelle nicht in einzelnem aufzählen, aber dürften sich merklich im weiteren Fortgang des Trainings niederschlagen.

Entsprechend war unser Fazit am Ende des Seminars höchst positiv. Die Anmeldegebühr von 90-120 Euro pro Person war der Qualität des Seminars sehr angemessen – wir hoffen auf weitere Seminare und Veranstaltungen von und mit Paul Becker / In MOTU – German Martial Arts für die Zukunft.

Schnellkrafttraining anhand von Schlägen mit der der Hammerfaust auf den MedizinballVersatz des Oberhaus mit einem Unterhau

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