Historisches Fechten

Was man sonst so als “Schwertkampf” bezeichnet

Das Schwert übt in unserer heutigen Zeit eine ungebrochene Anziehungskraft auf die Menschen aus. Durch Mythologie, Romantik und moderne Popkultur beeinflusst, unterliegt der moderne Medienkonsument einem stark idealisierten Klischeebild von grimmigen Filmhelden in schimmernder Wehr. Beseelt von der Sehnsucht, die eigene Freizeit mit etwas Besonderem anzureichern, empfinden immer mehr Menschen den Wunsch, Schwertkampf zu erlernen. Leider ist hier guter Rat teuer, denn im Gegensatz zum Angebot an asiatischen Kampfkünsten sind die Möglichkeiten, alte westliche Kampfkünste zu erlernen, sehr rar gestreut, auch wenn historisch angehauchte Hobbys beliebter werden. Viele Interessierte landen bei japanischen Schwertkünsten wie Kendo, Kenjitsu und Iaido, stören sich jedoch an der teils sehr starren Ritualisierung und Reglementierung der Bewegungsabläufe. Auf der Suche nach den europäischen Wurzeln landen sie dann bei den reichlich vorhandenen Angeboten der Mittelalter- und Fantasy-Szene. Bei näherem Hinschauen stellt der kundige Beobachter jedoch schnell fest, dass es sich hier wiederum selten um etwas handelt, das mit Kampfkunst auch nur im entferntesten zu tun hat. Mittelalterlicher Schaukampf, Bühnenfechten, Liverollenspiel und auch das auf historischen Märkten gezeigte Trefferfechten in Rüstungen sind sicherlich spannende Hobbys, deren Unterhaltungsfaktor wir keineswegs negieren möchten. Nichtsdestotrotz basieren sie allesamt auf Fantasie, spärlich begründeten Spekulationen und Mutmaßungen, die teilweise erheblich an der historischen Realität  vorbeigehen.

Unser Weg – die Theorie

Wir haben den Anspruch an uns selbst, mit unserer Interpretation dem “echten” Fechten des Mittelalters und der Renaissance so nah wie möglich zu kommen; wir wollen im besten Sinne des Wortes kämpfen können. Da es keinen Sinn macht, das Rad neu zu erfinden und man davon ausgehen muss, dass der zeitgenössische Fechter wusste, was er tat, orientieren wir uns an den historischen Realitäten. Hierfür bedienen wir uns der erhaltenen schriftlichen Originalquellen der betreffenden Epochen, denn alleine für den deutschsprachigen Raum sind über fünfundfünfzig – teilweise bebilderte – Schriftwerke – die so genannten “Fechtbücher”- erhalten, welche die Kampfkunst unserer Vorfahren mit erstaunlicher Exaktheit und Systematik beschreiben. Ein Großteil dieser erhaltenen Fechtanleitungen ist systematisch aufgebaut und die Autoren beziehen sich oft auf Johannes Liechtenauer, einem Fechtmeister des 14. Jahrhunderts, den man durchaus als eine Art Stilgründer innerhalb der deutschen Fechtkunst ansehen kann. Von Liechtenauer selbst sind keine Originaltexte erhalten, seine Lehren wurden zuerst – typisch für das ausgehende Mittelalter – in Form eines Lehrgedichtes mündlich weitergegeben. Erst die Fechtmeister der folgenden Generationen schrieben seine Reime als so genannte “Zedel” auf und versahen sie mit eigenen Anmerkungen. Zornhau sammelt, kategorisiert, liest, übersetzt und interpretiert solche Quellen und nimmt das darin enthaltene Wissen als Basis für seine Interpretation alter europäischer Kampfkunst.

Unser Weg – die Praxis

Natürlich kann das Quellenstudium nur der Anfang sein. Die Worte und Bilder längst verblichener Fechtmeister  wollen nicht nur gelesen und verstanden, sondern unter Berücksichtigung moderner Trainingsmethoden auch praktisch umgesetzt und mit Leben erfüllt werden. Die Trainer von Zornhau haben nicht nur einen Kampfsporthintergrund, sondern  jahre- und teils jahrzehntelange Erfahrung in der Interpretation historischer Kampftexte. Die mittelalterlichen Techniken werden unter den unterschiedlichsten Bedingungen mit unterschiedlichen Waffen und Schutzvorrichtungen immer und immer wieder ausprobiert. Es gibt Trainingspläne, Seminare und Curircula.

Mit der Zeit entstand dadurch etwas, das wir als eine Rekonstruktion des alten Fechtens bezeichnen. Dieses rekonstruierte Kampfsystem soll jedoch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Als ein lebendiges, atmendes Werk wird es nicht nur immer wieder aufgrund neuer geschichtlicher Kenntnisse kritisch hinterfragt, sondern auch ständig im laufenden Training auf seine Plausibilität und Effektivität getestet. Ganz wichtig: Es wird gekämpft. Ein Abend des reichhaltigen Wochentrainingsplans ist dem Übungskämpfen (neu-denglisch: “Sparring”) vorbehalten. Die Interpretationen unserer Trainer werden so oft als möglich in der harten Praxis, d. h. im freien Gefecht, auf ihre Tauglichkeit hin überprüft. Was nicht funktioniert, wird verworfen und überarbeitet. Was funktioniert, wird perfektioniert.

Oft liest man das Argument, man könne nicht “wissen, wie man im Mittelalter wirklich kämpfte”. Wir behaupten: Man kann. Allerdings ist eine Rekonstruktion lediglich eine Annäherung an die Realität, die sich an ihrer Plausibilität messen lassen muss. Diesem Anspruch stellen wir uns gerne.